Geschichten von Lebenshof: Anton verstehen, den Code für Verbindung entschlüsseln

20. Feb. 2024 | Lebenshof Geschichten

Ein kleiner Einblick in die Eingliederung von Anton in unseren Lebenshof. Ausrutscher, Eskapaden, Durchdreher und Herausforderungen versprachen Potential nach oben.

Ein Partner für Momo

Die Geschichte vom Lebenshof für den Haflinger Anton begann am 25.02.2008, als er zu uns kam.
Es stand das Datum fest, wann das erste Pferd zu uns an den Hof kommen sollte. Und für diese Stute suchten wir einen Partner. Unsere Aufmerksamkeit fiel auf ein Gesuch, die Pferdehaltung sollte aufgelöst werden und ein Haflinger mit diversen Mängeln suchte dringend einen Platz. An einem Sonntag besuchten wir 2 Pferde, die dringend einen Platz brauchten und wir entschieden uns für Anton. Denn seine Situation war ungut. Die Vorbesitzerin hatte 2 Pferde und eines davon sollte eingeschläfert werden. Wenn sie keinen Platz für Anton finden sollte, würde sie auch ihn einschläfern lassen. Nun, ich war kein Fan von Haflingern, aber darum ging es ja auch nicht. Oder doch?
Wir hatten die Kinder dabei und sie spielten neben dem Paddock, in dem unsere erste Begegnung stattgefunden hat. Ich beobachtete ihn erst mal, wie er auf dem Paddock umherging. Er entdeckte die Kids und wollte zu ihnen. Die Umzäunung war aus Holz gemacht und Anton lief einfach durch die drei Latten hindurch, hinüber zu den Kindern. O.k. Die Besitzerin meinte, er hätte das noch nie gemacht. Entgegen meiner Auffassung fanden die Kinder das sehr sympatisch. Schau Mama, der will zu uns. Ich hatte dann noch ein wenig mit Anton auf dem Reitplatz gespielt und mich ihm angenähert.. Zuhause gab es dann wilde Diskussionen und mein Mann war bereits entschieden, dieses Pferd aufzunehmen. Anton war geboren am 15.11.2002, wir übernahmen also ein sechsjähriges Pferd in dessen Übergabevertrag eine Liste von Mängeln stand. Er ist widerspenstig, bockig, schreckhaft, zeigt Anzeigen von Koppen und was nicht alles. Na prima, das konnte ja heiter werden.

Antons Auge in Großaufnahme. Die Augen der Tiere sprechen zu dir und helfen, den Code für Verbindung zu knacken.
Anton Vertrauen wächst allmählich

Antons Geschichte am Lebenshof beginnt

Es war also entschieden – Anton kommt zu uns. Die Abholung habe ich auf den selben Tag gelegt, an dem die Stute Momo gebracht wurde. Sie sollte nicht alleine am Hof sein. Ich fuhr mit dem Pferdehänger dort hin und das Verladen war undenkbar. Anton drehte komplett durch und wollte partout nicht in den Hänger steigen. Mittlerweile war schon der Tierarzt gekommen, der das zweite Pferd einschläfern sollte. Was für eine grauenhafte Energie über diesem Ort lag und Anton spürte das auch. Netterweise half mir dieser Tierarzt beim Verladen und 1,5 h später war er endlich drin. Er hat während der ganzen Fahrt getobt und ich dachte nur: Weiterfahren Marianne, fahr weiter. Er hatte mir die Anbindevorrichtung zerlegt und war klatschnass geschwitzt.

Marianne und Anton lernen sich kennen. Das war der Tag, an dem die Geschichte von Anton am Lebenshof begonnen hat.
Anton und ich lernen uns kennen

Erste Begegnung

Fast gleichzeitig kamen wir bei uns am Hof an. So hatten wir beide Pferde aus den Hängern geladen und sie in ihren neuen Stall geführt. Dann zeigten wir ihnen den Paddockbereich. Jetzt entfernten wir die Halfter und die beiden Pferde beschnupperten sich. Es gab nur ein kurzes Gezetere von der Stute und schon gingen die beiden zusammen auf die Weide und grasten. Wow, das ging ja besser als befürchtet.

Anton döst im Sand
Anton ruht sich aus

Eingewöhnungsphase

Neuankömmlinge brauchen immer einige Wochen für die Eingewöhnung und so auch Momo und Anton. Anton war sehr misstrauisch und wild. Er kannte in seinem bisherigen Leben nur Boxenhaltung und genoss es sichtlich, dass er jetzt Tag und Nacht auf der ganzen Anlage unterwegs sein konnte.
Leider hatte er die Nummer mit dem Durchboxen der Holzzäune weiter praktiziert. Es verging kaum an Tag, an dem er nicht wieder einen Zaun durchrannte und wir waren nur am Reparieren und Anton einfangen. Er akzeptierte keine Grenzen. Ich erinnere mich noch daran, dass wir die Pferde zum Grasen im Vorgarten des Wohnhauses hatten und Anton hörte ein Geräusch vom Nachbarhof. Er wollte wisses, was das war und lief mitten durch unsere Hecke. Hinter der Hecke war ein Zaun 1,5 m hoch, Drahtgeflecht. Er rannte hindurch, der Zaun war kaputt, Anton stolperte und lag wie ein umgekippter Käfer zappelnd auf dem Rücken. Diesen Zaun hatten wir gerade zwei Wochen vorher anbringen lassen. Was für ein Kerl.

Anton versucht sich zu finden
Die ersten Tage sind hart für die Neuankömmlinge, viele Eindrücke sind zu verarbeiten

Erste Trainingseinheiten

Nach einiger Zeit begann ich mit dem Training der Beiden. Anton hatte seine Ausrüstung mitgebracht, aber die Trense war viel zu scharf und der Sattel passte nicht, er hatte Druckstellen davon. Als Anton bei uns ankam hatte er links und rechts 2 Hände breite Kahlstellen. Er wurde immer mit Sporen geritten und weil er der Dame zu langsam war, hatte sie ihn ständig mit den Sporen getriezt. Seine Trense habe ich gleich weitergegeben und er bekam ein Knotenhalfter. Auch zum Reiten hatte er eine Natural Hackamore, denn wenn du das Buch „Eisen im Pferdemaul“ gelesen hast von Dr. Hiltrud Strasser verstehst du warum wir auf Trensen verzichten.

Ich begann mit den 7 Spielen von Pat Parelli im Level 1 und was ich da erlebte, war ziemlich wild. Ich weiß nicht, wie oft ich Blasen an den Händen hatte, wenn er wieder in das Seil rannte und mich über den Reitplatz zog. Dieser Kerl war nicht zu bändigen. Ich holte mir nach ein paar weiteren Wochen einen Natural Horsemaship-Trainer an den Hof, um ihm meine Probleme mit Anton zu zeigen. Nachdem dieser dann auch blutige Hände hatte, meinte er: „Verkauf ihn an den Schlachter, aus dem wird nichts mehr.“ O.k. da musste eine zweite Meinung her. Ich fand eine weitere Horsemanship-Trainerin und sie kam 3 Mal zum Hof. Nach dem dritten Mal, gab sie auf und sagte mir genau dasselbe.
Für mich war das keine Option! Dann muss ich es eben selbst schaffen, auf meine Art und Weise.
Ein befreundeter, erfahrener Reiter und Fahrer aus der Nachbarschaft war neugierig und wollte sich mit Anton versuchen. Es ging etwas 10 Minuten und er zog ihn über den ganzen Platz. Er wurde sauer und machte Anton mächtig Druck. Ich unterbrach ihn dann und versuchte ihm zu erklären, dass das nicht meine Art ist, mit Pferden zu wirken.

Geschichten vom Lebenshof: Marianne und Anton kuscheln
Anton und ich kuscheln

Juhuu – den Code geknackt!

Es vergingen einige Wochen, aber ich begriff immer mehr, wie Anton tickte. Er reagierte unwirsch, wild und fast schön böse auf jegliche Form von Druck und Überforderung. Er hatte eine ganz kurze Reizschwelle und wenn man diese überging, sah er rot. Ich hatte noch nie etwas davon gehalten Pferde mit Gewalt zu brechen und so entschied ich mich: Egal, wie lange es dauern wird, eines Tages werde ich den Code knacken.

Und so war es auch – der Code war: Verständnis, Wissen um seine Geschichte und endlose Geduld. Man durfte ihn einfach nicht überfordern, nicht zu viel von ihm erwarten und ihn sehr viel loben.

Wie war das mit der Geduld?

In der Realität sah das manchmal anders aus, ich war enttäuscht, manchmal wütend auf Anton und am liebsten hätte ich ihn wirklich verkauft. Als dann noch das Pony zum Lebenshof kam rastete Anton total aus. Er zerbiss mir die Kleine 2 Wochen lang, ich konnte es kaum mehr mit ansehen. Sie durfte nicht in seine Nähe kommen, attakierte er sie. Dem Himmel sei Dank war ich damals schon ausgebildet in telepatischer Tierkommunikation und nahm mir die Zeit mit ihm auf einer anderen Ebene ins Gespräch zu kommen.
Ergebnis Kurzversion: Er hatte genau gespürt, was ich dachte. Ich hatte jeden Tag darüber nachgedacht, wenn ich doch jetzt das Pony hier habe für die Stute, könnte Anton ja einen anderen guten Platz bekommen. Es war so anstrengend mit ihm, ständig machte er Ärger. Ich erschrak selbst über diese Information, denn es war mir nicht wirklich so bewusst, was ich da in meinen Gedanken bewegt hatte.
Ich entschuldigte mich bei Anton und versprach ihm, er würde für immer bei uns bleiben können. Hier sei jetzt seine Herde und seine Heimat für immer. Zeitgleich gab ich ihm noch kalifornische Blütenessenz Snapdragon für einige Male. Er hat das Pony nie mehr attakiert und fing endlich an, sich zu entspannen.

So hilfreich kann ein Tiergespräch sein! Hier kannst du mehr darüber finden.

Entscheidung bringt Kraft

Jede klare Entscheidung bringt Kraft und so war ich entschieden, es mit Anton zu schaffen. In seinem Equidenpass stand die Adresse seines Zuchtbetriebes, von dem er als Jungpferd verkauft wurde. Ich machte einen Termin aus und schaute mir diesen Betrieb an. Es war ein Züchter, der mit Pferden sehr guter Abstammung züchtete, aber er fuhr zweigleisig. Es war einen Stutenmilch-Farm. Die Stuten wurden laufend gedeckt, damit die Stutenmilch ausgemolken werden konnte und diese verkauften sie. Für die Fohlen bedeutete das, dass sie von Anfang an stundenweise von ihren Müttern getrennt wurden, wenn diese gemolken wurden. Und sie wurden zugefüttert, denn die Stutenmilch sollte in den Verkauf. Jetzt wurde mir einiges klar!

In Antons Kaufvertrag stand eine Auflistung von Mängeln: Durchgänger, Koppen, meditatives Saugen in der Luft und noch so manche Eigenheit. Immer wenn Anton etwas leckeres zu essen bekam stellte er sich hin, machte eine Schnute wie ein Saugfohlen und saugte minutenlang in der Luft. Er hatte immer zu wenig Milch bekommen, die Trennung von der Mutter war ein traumatisches Erlebnis für ihn und es hatte ihn verunsichert. Nun konnte ich ihn noch besser verstehen.
Er trauerte auch lange um seine Stute, die eingeschläfert wurde, obwohl er nie mit ihr Körperkontakt hatte. Doch sie stand neben seiner Box in einem dunklen gruseligen Stall.

Wesen annehmen, so wie sie sind

Es ist wichtig, jedes Tier so anzunehmen, wie es eben ist und auch nicht zu viel von ihm zu fordern. Für Antons Vorbesitzerin war er immer zu langsam, sie hetzte und trieb ihn, bis er jedes Mal ausrastete. Er war extrem druckempfindlich und war auch sehr schnell überfordert. Er konnte auch nicht so viel Neues aufnehmen, er lernte langsam. Aber hei, das ist o.k. jeder andere Qualitäten. Und so kann man aus einem kräftigen, kurzbeinigen, schweren Haflinger eben kein leichtfüssiges Rennpferd machen. Die ersten Jahre war ich noch etwas verärgert, weil Anton eigentlich von meinem Mann betreut werden sollte. Aber auch das konnte ich dann loslassen und ich hatte Anton endlich voll und ganz akzeptiert und die Verantwortung für ihn übernommen.

Marianne und Anton Nasa an Nase
Wir sind Freunde geworden

Wir sind Freunde geworden

Anton und ich sind Freunde geworden, es gab noch viel Eskapaden, einmal brach ich mir mit ihm auch noch das Steissbein. Aber wir haben einen Weg der Kommunikation für uns gefunden und sind sehr liebevoll miteinander verbunden. Anton ist immer noch ein Schalk und wenn hier einer etwas anstellt, ist es meistens er. Aber er hat viel gelernt und hat jahrelang im Horsmanship am Boden und zu Pferde wirklich gut mit mir kooperiert. Viele Menschen haben auf ihm ihre Erfahrungen gemacht. Und ich weiß, dass er das für mich gemacht hat. Es gab nur ein Mädchen, dass er wirklich nicht mochte und das hat er ihr auch gezeigt. Der Grund war aber, dass sie extrem viel Druck auf Anton ausübte und das war sein Triggerpunkt. Wir hatten das dann auch beendet, denn das Mädchen konnte ihr Verhalten nicht ablegen.

Knubbeln will gelernt sein

Anton hatte nie Pferdekontakt, denn die Stute mit der er zuvor zusammenstand, war immer getrennt von ihm durch einen Zaun. Unsere Momo ist aber eine Knubbel-Tante, sie möchte ganz oft schmusen. Und immer wenn sie das mit Anton versuchte, hat er sie gebissen. Aber nicht, weil er böse war. Nein, er kannt es noch nicht. Er wusste wirklich nicht, dass er da nicht so doll reinbeissen darf. Momo war sehr ausdauernd und hat es monatelang weiter probiert. Immer wenn er wieder biss schlug sie aus und verzog sich. Irgendwann hatte er es endlich gecheckt und heute ist er ein Meister des Knubbelns. Er knubbelt mich am Ohr, im Nacken und schmust intensiv mit Momo, ohne zuzubeissen. Zum Glück 😉

Anton der Herdenboss

Anton ist hier der Herdenboss und alle Schafe lieben ihn. Meistens steht mindestens ein Schaf in seiner Nähe und begleitet ihn oder sie fressen gemeinsam am Heunetz. Er kommt prima mit allen anderen Tieren im Stall zurecht. Und na ja – Zäune macht er auch heute noch kaputt nur nicht mehr so oft 😉

Anton im Gelände zu reiten ist eine Herausforderung, weil er sich schlecht kontrollieren lässt, wenn er zum Beispiel auf eine Wiese will. Aber auf dem Reitplatz klappt es prima und selbst kleinste Kinder können ihn rückwärts schicken nur mit dem ausgestreckten Finger. Sie können ihn auf ein Podest schicken, ihn longieren und führen am langen, entspannten Seil.

Ist das nicht herrlich? Bedenkt man die Anfänge, als er erwachsene Männer davongezogen hatte.

Merlin reitet auf Anton
Bald schon konnten meine Kinder ihn reiten, ohne Sattel und gebisslos.

Anton die Schmusebacke

Anton ist eine echte Schmusebacke und liebt es Aufmerksamkeit zu bekommen. Er liebt jede Art von Körperkontakt und macht mit Vorliebe Reissverschlüsse auf und zu. Er ist immer verfressen und bekommt nie genug. Nuckeln tut er heute noch.
Wenn ich in der Futterkammer die Müslischüsseln herrichte, streckt er den Kopf durch das Fenster (das hatte er einfach durchgedrückt, seitdem haben wir da ein Holzteil zum Aufschieben eingesetzt.)
Wir nennen es mittlerweile Drive-in, Anton holt sich da immer gerne eine Möhre ab 😉

Ach ja mir fällt noch ein: Wir hatten eine Indianerfreizeit für die Grundschulklasse meines Sohnes am Hof. Natürlich waren die Pferde bemalt und hatten Federn in die Mähne eingeflochten. Die Lehrerin war zum ersten Mal auf dem Rücken eines Pferdes und sie gab für die Projekttage Anton den Namen: Anna-tonna, das runde Pferd. 🙂

Lieber, dicker Anton, was wäre die Welt ohne dich! Wir lieben dich und du gehörst dazu.


Hallo, ich bin Marianne

Als intuitive, hochsensible Impulsgeberin liegt mein Fokus darauf, Menschen mit der Natur und ihrem höchsten Selbst zu verbinden.

 

 

„Im Einfachen das Wunderbare erkennen“

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