Geschichten vom Lebenshof: Joschi, ob dieser Hund bleiben kann?

19. Feb. 2024 | Lebenshof Geschichten

In Geschichten vom Lebenshof geht es diesmal um das Leben eines weißen Schäferhundes. Schon als Kind bin ich mit Schäferhunden aufgewachsen und liebte diese wachen, aufmerksamen und stets präsenten Tiere sehr.
Seit meinem 26.ten Lebensjahr hatte ich immer ein Pärchen weißer Schäferhunde, es hatte sich so ergeben. Als unser geliebter Fernando uns mit 14,5 Jahren verlassen hatte, war die Hündin sehr traurig. Wir alle fühlten uns, wie amputiert und so öffneten wir uns für einen weiteren Hund. Wie immer schauten wir auf Tierschutzseiten, ob irgendwo ein weißer Schäferhund Rüde ein sicheres, guten zu Hause suchte.

Tiervermittlung sucht Platz für schwierigen Junghund

Auf der Seite einer Tiervermittlung stolperte ich über ein Foto eines weißen Schäferhundes. Er sah ganz genau so aus, wie unser Fernando. ABER: Er hatte wohl einen ganz anderen Charakter. Ich telefonierte mit der Vermittlung und das Gespräch stimmte mich nachdenklich. Der Hund sollte sofort weg, er sei so kompliziert, derzeit sei er in einer Hundepension, weil die Besitzerin nicht mit ihm klarkomme. Er sei 1,5 Jahre alt, unerzogen und verstehe sich absolut nicht mit anderen Hunden.

Geschichten vom Lebenshof - Heute geht es um Schäferhund Joschi
Unser Joschil

Der Kampf zwischen Vernunft und Herz

Zu der Zeit war ich sehr gestresst, weil ich monatelang unseren kranken Seniorhund gepflegt hatte. Meine Jungs waren noch sehr klein und da waren ja auch noch jede Menge anderer Tiere am Lebenshof, die sicher leben wollten. Nein. Das machte wirklich keinen Sinn. Ich führte noch ein Telefonat mit der Vermittlung und sie meinte, sie kann diesen Hund nicht in eine unerfahrene Familie geben. Und sie könne ihn aber nicht länger behalten.
Es ließ mir irgendwie keine Ruhe und wir beschlossen alle gemeinsam hinzufahren, mit den Kids und unserer Hündin.

Joschi kuschelt mit Marianne
Er hat viel gelernt unser Dicker.

Die erste Begegnung mit Joschi

Dort angekommen lernten wir Joschi kennen. Oh mein Gott, das kann ich nicht schaffen, schoss es mir in den Kopf! Er war völlig verstört, ungestüm und völlig haltlos. Um ihn außerhalb der Hundepension erleben zu können, packten wir ihn ins Auto und machten einen großen Spaziergang. Ein Alptraum! Dieser Hund war nicht zu bändigen, er war total aggressiv, sobald ein anderer Hund in die Nähe kam. Wie sollte das gehen? Unterwegs fragte mich mein Mann: „Und, was meinst du?“ Ich antwortete nur, nein, ich kann das nicht schaffen. Ich weiß, ich kann das nicht schaffen.
Zurück in der Hundepension unterhielten wir uns noch eine Weile über Joschis Schicksal.

Junghund außer Rand und Band

Matthias spielte draußen mit den Kindern und ich hörte mir die Lebensgeschichte von Joschi an. Nun verstand ich, was da passiert war. Ich verstand, warum er sich so verhielt und sah, wie verzweifelt er war. Er wuchs auf in einer Familie mit kleinen Kindern und einer Frau, die völlig überfordert war mit der ganzen Situation. Mann im Ausland, allein mit den Kindern, ein Pferd im Reitstall, einsam und dann noch dieser Hund.

Nun, der Hund war gewohnt in ihrem Bett zu schlafen und war extrem viel allein zu Hause und unterbeschäftigt. Wenn sie ihn zum Reitstall mitnahm, war er angebunden als kuschliger Welpe und jeder, der vorbeikam, wollte ihn streicheln. Er war so ungeschützt und hilflos. Als er älter wurde, entschied er, dass er von niemandem mehr gestreichelt werden wollte, den er nicht kannte.

Ich besprach mit meinem Mann und wir entschieden, diesem wilden Burschen eine Chance zu geben.

Der erste Check-up beim Tierarzt

Mein Tierarzt war entsetzt und sagte empört: „Wo hast du den denn her? Der hat ja null Muskulatur aufgebaut.“ Ja, das war so, denn der arme Kerl durfte so gut wie nie laufen oder spielen und hatte sehr wenig Bewegung. Wir mussten also sehr aufpassen, ihn nicht zu überfordern und auf eine sehr ausgewogene Fütterung achten. Es hatte Monate gedauert, bis er mit unserer Hündin klargekommen ist. Bis er endlich begriffen hatte, dass sie ihm nichts tun wollte und nicht gefährlich war. Er war so verunsichert.

Marianne mit den Hunden in einer Lichtung im Wald
Mit Joschi und Feline im Wald, er vertraut mir, wir sind Freunde geworden

War es eine Fehlentscheidung?

O.k., ich wusste, dass das nicht einfach werden würde – aber dass es so ein Chaos werden würde, war mir nicht klar. Ich bin Lebenshofbetreiberin, ich nehme Tiere auf, um ihnen ein schönes zu Hause zu geben. Ich vermittle nicht weiter. Wer zu uns kommt, darf bleiben.
Aber dieser Hund machte mich fix und fertig.

Er zerbiss meine Hündin immer wieder, manchmal bekam ich die zwei fast nicht mehr auseinander. Mein Tageskind hat er zweimal so angesprungen und gefletscht, ein No-Go. Unsere Freunde konnten das Haus nicht mehr betreten. Und als er das erste Mal mit auf den Paddock der Tiere durfte, apportierte er doch tatsächlich meine Prillan, mein Lieblingshuhn. Und er schüttelte sie auch noch ab, sodass Prillan den Kopf hängen ließ. Das war too much!

Marianne und Joschi auf der Weide
Joschi sieht einen fremden Hund

Wird es besser werden?

Joschi lernte sehr langsam und fiel immer wieder zurück in sein Rüpelverhalten. Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder Joschi würde das erste Tier werden, dass den Lebenshof wieder verlässt oder ich verändere jetzt radikal etwas. Ich meldete mich mit beiden Hunden beim Natural Dogmanship in Hamburg an. Jan Nijboer leitete das Wochenende und er war meine große Hoffnung. Von da an stellte ich zu Hause rigoros einige Dinge um. Es gab keine strategischen Liegeplätze mehr für die Hunde. Also zum Beispiel vor Eingangstüren oder in Durchgängen. Die Hunde durften nicht mehr ins Kinderzimmer und die Kinder nicht mehr in die Hundekörbe. Und so einiges andere änderten wir auch.

Geschichten vom Lebenshof erzählt von Joschi - hier wälzt er sich genüsslich im Schnee
Der blinde Joschi wälzt sich genüsslich im Schnee.

Ich will es schaffen

Ich hatte mich für ihn entschieden, mit all seinen Macken und war wirklich gewillt durch all die Monate der Arbeit und Geduld durchzugehen. Ich gebe zu, ab und an schimpfte ich vor mich hin. „Hätte ich das bloß nicht getan.“ Aber ganz langsam veränderten sich Dinge. Natürlich wurde er nie wie sein Vorgänger, der ein liebevolles Seelchen war. Dafür hatte Joschi zu viele Vertrauensbrüche von Seiten seiner Menschen erlebt. Und auch zu viele Bisse von anderen Hunden abbekommen. Aber wir lernten ihn lieben in seiner so eigenen, herausfordernden Art.

Ein Teil der Familie

Joschi wurde immer mehr ein Teil unserer Familie und so langsam fing er an mir zu vertrauen. Es hatte lange gedauert, sehr lange und unsere Freunde hatten auch schon die Idee geäußert, man könne ihn doch weggeben. Joschi blieb. Und das war gut so. Ich weiß nicht, wie es ihm woanders ergangen wäre und durch wie viele Hände er hätten gehen müssen. Es war ein hartes Stück Arbeit und er forderte meine Geduld sehr heraus. Aber ich liebte ihn.

Joschi an seinem letzten Spaziergang
Joschis letzter Tag auf diese Erde….

Geschichten vom Lebenshof: Umsiedlung

Wieder mussten wir ihn entwurzeln. Es stand die Umsiedlung an des gesamten Lebenshofes mit Familie. Vom Norden unseres Landes in den Süden. Ich kürze hier ab: Wir haben das gemeistert, aber Joschi fiel nochmal zurück in alte Muster. Dann endlich nach 2,5 Jahren im Süden, hatten wir einen Hof gefunden in Alleinlage. Also nochmals umsiedeln und dann: ANKOMMEN. Hier am Hof ist Joschi wirklich angekommen. Hier fühlte er sich sicher, kam mit allen Tieren am Hof wundervoll klar. Selbst die Meerschweinchen konnten über seine Pfoten laufen, er hatte nach Prillan nie mehr eines unserer Tiere angegriffen und begegnete allen Tieren freundlich.

Ich versuchte ihm immer Halt zu geben. Wenn er mit mir unterwegs war, schirmte ich ihn immer vor anderen Hunden ab. Das war mühsam, aber er wusste, dass er sich auf mich verlassen konnte. Ich habe ihn diesbezüglich nie überfordert und habe unsere Leben etwas einschränken müssen. Wir haben uns auf ihn eingestellt und die Situationen so um ihn herumgebastelt, dass er nie überstresst war. So oft versteht der Mensch nicht, was im Tier vorgeht, warum es wie reagiert. Dann lohnt es sich genauer hinzusehen, hinzufühlen und hinzuhören.

Joschis Geschichte vom Lebenshof endete glücklich

Joschi lebte 10,5 Jahre mit uns zusammen und starb kurz vor seinem 12.ten Geburtstag. Im Alter bekam er Spondylose und wir unterstützen ihn mit ätherischen Ölen und Animal Raindrop Anwendung.

Sein letztes 3/4 Jahr war er völlig erblindet und wollte trotzdem jeden Tag mit uns zum Nordic Walking losziehen. An der Leine konnte er nicht gehen, da war er unsicher. Aber ohne Leine orientierte er sich an meinen Schritten und er lief bis fast zum letzten Tag noch 45 Minuten täglich mit.
Ich glaube sagen zu können, er hatte ein schönes und sicheres Leben bei uns. Er war Teil unseres Lebenshof-Rudels und jeden Tag an meiner Seite. Immer begleitete er mich mit der Hündin bei der Stallarbeit und hatte jeden Tag mit der Hündin gespielt auf der Pferdeweide.

Ich dachte schon, das Huhn wäre tot. Mit ganz viel Bachblüten, Schockmittel, Ruhe und Liebe war sie am nächsten Morgen wieder total fit. Gott sei Dank! Nach einer massiven Korrektur meinerseits hatte auch Joschi begriffen, dass das Apportieren von Hoftieren ein No-Go war.

Danke geliebter Joschi – wir haben viel von und mit dir gelernt. Und du hast dich entwickelt zu einem treuen, liebevollen Begleiter und Freund.

Hallo, ich bin Marianne

Als intuitive, hochsensible Impulsgeberin liegt mein Fokus darauf, Menschen mit der Natur und ihrem höchsten Selbst zu verbinden.

 

 

„Im Einfachen das Wunderbare erkennen“

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